Writing Friday

[Writing Friday] #11. Der letzte Eintrag

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Schreibthemen September

  • Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Dieser kunterbunte Vogel konnte einfach nicht anders, als…“ beginnt.
  • Schreibe aus der Sicht deines Haustiers. (Wenn du keines hast, erfinde eine Geschichte dazu.)
  • Du irrst nun schon seit mehreren Tagen durch den Dschungel, als du plötzlich …(Platz für eigene Idee)… siehst.
  • Setze deine Zahnbürste ins Rampenlicht!
  • Blicke aus dem Fenster – was siehst du? Beschreibe dies so genau wie möglich.

 

Die Geschichte:

 

Der letzte Eintrag

 


Tagebucheintrag vom 11.8.1965

Dieser kunterbunte Vogel konnte einfach nicht anders, als zu pfeifen. Den ganzen Tag tut er das nun schon, und ich verstehe nicht, wie er so fröhlich klingen kann, obwohl wir beide hier gefangen sind. Ich beobachte Birdie schon eine Weile. Ja, so habe ich ihn getauft, denn seinen richtigen Namen kenne ich nicht. Ich weiß nicht mal, ob er einen Namen hat. Ich nenne ihn jedenfalls Birdie.

Er war schon vor mir hier und ist mit abstand das Schönste was es in  in diesem Raum zu finden gibt. Alles ist Grau oder Weiß. Graues Bett mit weißer Bettwäsche, grauer Nachttisch mit weißer Nachttischlampe, weißer Kleiderschrank und ein weißes Bücherregal, mit wenigen verstaubten Büchern darin.

Ich bin jetzt genau 3 Tage, 4 Stunden und 30….31 Minuten hier, und ich hasse es. Ich höre die anderen Kinder durch das kleine Fenster spielen und lachen, und toben und schreien. So gern würde ich mit ihnen da draußen sein, aber ich kann nicht. Ich versuche mich mit Birdie zu unterhalten, doch er sieht mich nicht einmal an. Er sitzt auf seiner Stange, zwitschert und pfeift den ganzen Tag, als wenn es nichts Schlimmes auf dieser Welt gäbe. Soll mich das etwa aufheitern ? Falls ja…es funktioniert nicht. Alles was ich will, ist hier wieder raus zu kommen – doch im Grunde weiß ich, das kein Bitten und Flehen erhört wird. Man kann die Zeit nicht zurück drehen, und ich meinen Fehler nicht wieder ungeschehen machen. Ich erinnere mich nicht mehr an alles.

Mutter, Vater, mein kleiner Bruder Ben und ich, waren auf den Jahrmarkt. Ben wollte unbedingt auf das Riesenrad , doch er war zu klein um alleine zu fahren. Ich versprach Mutter gut auf ihn acht zu geben. Langsam fuhr die Gondel nach oben, doch als sie fast oben ankam, bekam Ben angst. Er weinte und rief zu Mutter herrunter, dass er zu ihr will. Ich sagte er solle still sein und sich wieder setzen, doch er ignorierte mich.  Als ich aufstand, um ihn zu packen, damit er ruhe gibt, fuhr das Riesenrad ruckartig weiter. Ich konnte mich nicht halten und stolperte auf Ben zu, der sich zu weit aus der Gondel lehnte. Durch meinen Stoß fiel er aus der Gondel. Ich wollte ihn festhalten, doch sein Körper riss mich mit nach draußen…wir fielen und fielen.

Als ich auf der Krankenstation wieder erwachte, konnte ich meine Beine nicht mehr bewegen und man sagte mir, dass mein kleiner Bruder Ben, den Sturz nicht überlebte. Das brach Mutter und Vater das Herz. Vater stand kaum noch aus seinem Sessel auf und Mutter weinte von früh bis spät. Beide fingen an zu trinken…zuviel zu trinken.

Eines Tages brachten mich die Ordensschwestern dann hierher zu diesem Ort, der nicht mein Zuhause ist und in den ich gefangen bin. Ich kann nichts anderes tun, als den gesamten Tag Birdie zu lauschen, denn eine Schwester kommt nur selten zu mir herein um mir etwas zu Essen zu bringen oder mich zu waschen. Den Rollstuhl für mich gibt es nur an besonderen Tagen, sagte mir die Oberschwester. Ich fragte, welche denn besondere Tage seien und die Oberschwester antwortete hart, bei Ausflügen oder wenn Paare kommen, um sich ein Kind auszusuchen – doch ich solle keine Hoffnung haben, denn sie kenne kein Paar, welches einen Krüppel haben wollen würde.

Was wird nur aus mir werden ? Ich habe große Angst.


 

Tagebucheintrag vom 12.8.1965

Heute kam mich eine nette Schwester besuchen. Sie sagt sie hieße Marry und sei neu hier im Haus. Sie möchte mich besser kennenlernen, machte Aufgaben mit mir um herauszufinden, ob ich denn Lesen und Schreiben könne. Marry sagte, ich sei sehr schlau für meine 12 Jahre. Vielleicht habe ich  Glück und sie adoptiert mich.

Ach bitte, bitte, mach, dass sie mich bei sich aufnimmt. Ich möchte hier nicht länger bleiben.


 

Tagebucheintrag vom 14.8.1965

Gestern war so ein grauenvoller tag. Ich habe die ganze Nacht durchgeweint und meine Augen sind geschwollen und schmerzen. Aber ich schreibe lieber von Anfang an.

Nach dem Frühstück und als zwei Schwestern meine Kleidung wechselten, kam Marry zu mir. Sie übte wieder mit mir und anschließend las sie mir Gedichte vor. Eines gefiel mir so gut, dass sie es ein zweites mal lesen sollte. Es ging so:

„Ich sehe mich im Spiegel, sehe Gitter wo keine sind.

Der Drang nach Freiheit, raubt mir den Sinn.

Wie ein Vogel so frei, fliegend in der Luft.

Doch gefangen bin ich hier, in meinem Körper, meiner Gruft.“

Ich habe noch lange über dieses Gedicht nachgedacht und ich wusste ich muss handeln.

Ich ließ mich aus dem Bett fallen, kroch zum Fenster und öffnete es. Das dauerte nicht lange, denn jemand, vielleicht Marry, hatte es nur angelehnt. Ich drehte mich nach links und öffnete den Vogelkäfig. Dann rief ich: „Flieg Birdie, flieg… Wenigstens einer von uns sollte frei sein. So flieg doch schon…“ Aber Bierdie flog nicht…

Ich hörte Schritte die Treppe emporsteigen und flehte Birdie abermals an zu fliegen… Dann wurde die Tür aufgerissen und die Oberschwester starrte mich entzornt an. Kurz darauf begann ihr schallendes Lachen. Sie sprach: “ Du dummes, dummes Gör. Denkst dem Vogel die Freiheit zu schenken. Wie liebreizend. Aber ich muss dich enttäuschen…“ Wieder lachte sie, bevor sie weiter sprach: „Das Vieh ist genaus so ein Krüppel wie du, denn der blöde Vogel ist blind, er wird niemals fliegen.“

Dann schlug die Tür zu und ich hörte wie die Oberschwester immer noch lachte, als sie das Haus verlies. Tränen schossen mir ins Gesicht, denn ich habe begriffen, dass Birdie und ich, dass keiner von uns jemals frei sein wird. Ich habe große Angst und ich will hier nicht bleiben. Ach wenn mich doch nur jemand erhören würde…


 

Dies war der letzte Eintrag der Sophia Hall.

Am nächsten Morgen wurde ihre Leiche neben einem toten Vogelkadaver gefunden.

Bis heute ist unklar was  im Haus der Kinder vom 14.8.1965 zum 15.8.1965 geschehen ist.

Die Schwestern hüllen sich bis zum heutigen Tag im Schweigen.

 


 

ENDE

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Ich hoffe euch hat meine kleine Geschichte „

  • Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Dieser kunterbunte Vogel konnte einfach nicht anders, als…“ beginnt., gefallen.

Der #WritingFriday ist eine Aktion von Elizzy, readbooksandfallinlove.

Schaut doch mal bei ihr vorbei, gerne könnt ihr auch mitmachen. ?

Weitere interessante Geschichten könnt ihr auch hier lesen:

schreib mal wieder...

 

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14 Kommentare zu „[Writing Friday] #11. Der letzte Eintrag

      1. Aber wieso ist dann der Vogel ebenfalls tot? Ich glaube ja, dass die Oberschwester in ihrer Bösartigkeit lieber jemanden leiden lässt, anstatt ihn von dem Leid zu befreien. Wobei der Vogel in seiner Blindheit ja gar nicht zu leiden scheint, so fröhlich wie er den ganzen Tag lang pfeift. Aber auch wenn das Mädchen sich selbst umgebracht hat – warum dann auch den Vogel? 😮

        Gefällt 1 Person

  1. Hey Suse,
    sehr düster und mysteriös. Die Geschichte macht einen neugierig, was wohl mit Sophia passiert ist. Wäre auf jeden Fall eine tolle EInleitung für eine Horrorgeschichte mit Sophia udn dem Vogel als Geister.^^
    Grüße, Katharina

    Gefällt 1 Person

  2. Wie traurig! Und sehr schön, wie die Tragik erst im Laufe der Geschichte so langsam enthüllt wird. Ich glaube, in den 60er Jahren ging es in Heimen wirklich oft so ähnlich zu.

    Wir kennen uns, glaube ich, noch nicht. Vielleicht möchten Sie daher auch einmal meinen Beitrag zu dem Thema lesen:
    https://norbertschimmelpfennig.wordpress.com/2018/09/15/writingfriday-kw-36-plusterkuchen/
    oder einen ähnlich traurigen Beitrag:
    https://norbertschimmelpfennig.wordpress.com/2018/08/18/writingfriday-kw-32-der-waldladen/

    LG Norbert

    Gefällt 1 Person

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